"Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter,
Frau und Kinder, Brüder und Schwestern,
ja sogar sein Leben gering achtet,
dann kann er nicht mein Jünger sein." (Lk 14,26)
Jesus Christus benennt es als einen Mangel an Fähigkeit,
ein Nicht-Können.
GOTT spricht jeden einzeln an, ruft in die ganz persönliche Nachfolge.
Auch Vater, Mutter, Geschwister, Ehepartner, oder die besten Freunde:
ein/e jede/r hat seinen/ihren ganz persönlichen,
ihn/sie allein meinenden Ruf empfangen.
Was sie daraus machen, ist - ebenso wie Dir und mir -
in völliger Freiheit ihnen allein anheimgestellt.
Will nun ein Mensch ernsthaft Christus nachfolgen,
findet sich aber in eine Familie hineingeboren,
in einer Umgebung wieder,
die weniger oder gar nichts damit zu schaffen haben will,
ist der Zwiespalt täglicher Begleiter.
Zwiespalt, da er seine Familie liebt,
keinen Bruch mit den Freunden möchte.
Gleichwohl spürt und weiß er mit anwachsender Tiefe:
"Jesus Christus ist der HERR;
ER ist der Weg, die Wahrheit und das Leben."
So wird das Leben innerhalb der Familie zur ersten Glaubensprüfung.
Insofern beide Seiten einander stets mit Liebe und Achtung begegnen,
kann ein so gestaltetes Miteinander größtenteils konfliktlos,
frei von Zerwürfnis bestehen bleiben.
Doch Glaube und Nachfolge sind veränderliche Größen.
Wer es ernst meint, erfährt: Je tiefer der Einstieg ins Evangelium,
desto unnachgiebiger das eigene Sehnen nach GOTTES Nähe.
Das aber entfernt zugleich von demjenigen Sehnen, wie es 'die Welt' spürt.
Wer das Schmerzhafte dieser Trennung von Familie / Freunden fühlt,
sie aber mit Konzessionen / Höflichkeiten zu überwinden sucht,
der kann tatsächlich kein Jünger Jesu Christi sein.
*
Ein Beispiel:
Dem Evangelium folgend verzichtet ein Mensch auf Besitz,
Anhaftung an Güter und weltliche Gelüste.
Seine Familie aber möchte schillernde Feste feiern.
Der Jünger Jesu wird seine Teilnahme verweigern,
wird stattdessen lieber beten, die Schrift studieren,
oder in irgendeiner Weise Dienst am bedürftigen Nächsten verrichten.
Beide Seiten nehmen ihr Recht zur freien Wahl wahr,
beide Seiten trafen ihre Entscheidung;
keine darf der anderen die ihre vorwerfen!
Gleichzeitig ist dadurch ein zumindest physisches Miteinander unterbunden.
Der Jünger Jesu hat seine Familie und das Mit-ihr-Sein
geringer geachtet als das, wozu ihn GOTTES Wort aufrief.
Er bleibt mit Jesus verbunden, in SEINER Nachfolge.
*
Es gibt eine weitere, tiefere Ebene:
Jesus Christus sagt:
"Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat,
bei seinen Verwandten und in seiner Familie." (Mk 6,4)
ER "konnte dort keine Machttat tun" (V.5);
Jesu Nachbarn erinnerten IHN unmündig,
aberkannten jegliche Kraft und Weisheit.
Statt SEINER -
"Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören." (Mk 9,7b) -
sahen sie das Bild, das sie sich gemacht hatten,
woran sie festhielten.
Uns geht es ebenso (dem Jünger wie seinem Meister; vgl. Mt 10,25):
Egal, wohin wir uns entwickelt haben mögen,
in unseren Heimatkreisen werden wir
'das alberne Kind', 'der störrische Halbstarke',
'der verträumt-unvernünftige Backfisch' bleiben.
Sobald wir diesen auf uns projizierten Bildern begegnen
und ihnen antworten, indem wir die zugewiesene Rolle spielen -
was allzu leicht geschieht! -,
sobald wir selbst an das Bild glauben,
zu welchem die Anderen uns zurecht-erinnert haben,
achten wir neben den realiter lebendigen Personen
auch diese verschiedenen unserer Persönlichkeiten zu hoch.
Ein anderer Mensch definiert uns,
wir reagieren darauf -
suchen entweder uns davon abzusetzen,
oder der Definition zu entsprechen - :
Schon jagen wir einem Bilde nach, dienen einem Götzen.
Das beinhaltet alle Vor-Stellungen,
die die Eigenliebe entwirft:
Ich, die immer Starke;
Ich, der allzeit Liebenswerte;
Ich, die unbedingt Treue;
Ich, der 100%ig Zuverlässige
usf.
Gut ist es, danach zu streben diese Tugenden zu erlangen;
doch nehme man bitte davon Abstand, sich für deren Apotheose zu erklären!
Zuviel Vertrauen auf diese eigenen Vorzüge,
seien sie tatsächlich wahr,
lenkt den Blick von Jesus Christus ab,
beschneidet uns der Fähigkeit,
SEINE Jünger zu sein.
*
Freilich bleibt bei all dem Jesu Gebot bestehen:
"dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe" (Joh 15,12).
Das Gering(er)-Achten darf keine Ausrede sein,
unseren Nächsten, auch aus Familie / Freundeskreis,
in seiner Bedürftigkeit zu übersehen,
helfendes Handeln zu unterlassen!
Es geht vielmehr - wie beim Besitzen auch -
um das Ablegen einer virulenten inneren Einstellung
zu diesen Menschen unserer Verwandtschaft:
Freundschaft, Familienzugehörigkeit u. ä. Beziehungen
gehen oft mit Erwartungshaltungen einher;
bestimmte Verhaltensweisen werden projiziert, an den anderen geknüpft.
Bleiben diese Erwartungen unerfüllt,
breiten sich Befangenheit, Vorwürfe, Groll aus.
Man fühlt sich enttäuscht, verletzt, beleidigt oder betrübt.
Das hindert an vorbehaltloser Nächstenliebe.
Diese Verstimmung tönt umso dissonanter,
je enger die Verbindung zu dem sich - vermeintlich - falsch Verhaltenden ist,
denn Höheres erwarten wir von uns Nahestehenden
als von solchen, welche vorübergehend in unser Leben treten.
Somit ist ein 'Nicht-Können', mangelnde Fähigkeit,
tatsächlich die treffende Benennung.
Nur in diesem Sinn darf ein Geringachten verstanden werden.
Das Gebot Jesu, dass wir einander lieben, hat immer über allem zu stehen!